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Vom Bewahren und Verändern ‑ was muss geschehen?

Eines fällt besonders auf in der gesellschafts‑ und bildungspolitischen Debatte nach der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse: Es melden sich vor allem Politiker zu Wort; Pädagogen und Eltern scheinen weniger gefragt zu sein.

Das nährt den Verdacht, dass es bei der Diskussion um eine Veränderung des Erziehungs- und Bildungswesens im Allgemeinen und der Veränderung des Kindergartens und des Einschulungsalters im Konkreten nur am Rande um pädagogische Interes­sen und das Wohl der Kinder geht.

Doch das müsste der Maßstab des Handelns sein, auch für Politiker. Nicht zuletzt auch deshalb, weil in der UN-Kinderrechtskonvention vom 20.11.1989, die im April 1992 für Deutschland in Kraft getreten ist, verankert ist: »Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.« Und auch das deutsche Kinder‑ und Jugendhilfegesetz enthält die Forderung, dass »die Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit gefördert werden soll« und verweist darauf, dass Betreuung, Erziehung und Bildung an den Bedürfnissen der Kinder und ihrer Familien zu orientieren sei.

Papier ist zwar geduldig. Eltern und Pädagogen sollten es in diesem Falle nicht länger sein. Wer den Kindergarten zur Schule umfunktionieren will, hat nicht in erster Linie das Wohl der Kinder im Sinn.

Lernen im Kindergartenalter hat eine andere Qualität als schulisches Lernen, deshalb muss es auch anders gestaltet sein. Kinder müssen die Zeit bekommen, die sie brauchen, um die körperliche, seelische, soziale und geistige Grundausstattung auszuformen, auf der sie dann den schulischen Lernprozess aufbauen können.

Selbstverständlich sind weitere Bemühungen notwendig und willkommen, alle beteiligten Personen und Institutionen inhaltlich, personell und materiell in diesem Erziehungs- und Bildungsauftrag zu unterstützen und zu fördern. Dazu gehören wissenschaftliche Studien und pädagogische Forschungen ebenso wie rechtliche Absicherungen (z. B. das Recht auf einen Kinder­gartenplatz) oder finanzielle Hilfen für Familien und Einrichtungen. Auch wird sich niemand in den Weg stellen, wenn es darum geht, die Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten für Erzieherinnen und Erzieher weiter zu verbessern.

Darüber hinaus wird es auch um eine bessere Personalausstattung in den Einrichtungen und um kleinere Gruppen gehen müssen. Die Auffassung, Kindergartengruppen könnten ruhig groß, aber Oberstufenklassen müssten klein sein, ist zumindest was die Kindergartengruppen betrifft nicht länger haltbar. Auch im Bereich der Zusammenarbeit von Kindergarten und Schule ist noch einiges zu intensivieren und zu verbessern. Dabei kann es nicht damit getan sein, dass die Schule Vorgaben und Erwartungshaltungen zum Bildungsniveau formuliert, vielmehr muss auch sie sich fragen, wie sie den im Kindergarten begonnenen Erziehungs‑ und Bildungsprozess besser aufgreift und weiterführt.

Alle Versuche allerdings, das letzte Kindergartenjahr für die sechs bis siebenjährigen Kinder abzukoppeln und damit durch die Hintertür den allgemeinen Schuleintritt vorzuverlegen, gehen an den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder vorbei. Zumal Eltern, die im Einzelfall eine frühere Einschulung wollen, bereits jetzt diese Möglichkeit haben.

Viele wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Vorverlegung des Einschulungsalters nicht den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder entspricht und sich vielmehr schädigend auf ihr jetziges und späteres Leben auswirken kann. Keine Untersuchung konnte stichhaltig belegen, dass ein früherer Schuleintritt sowohl zu einer deutlichen Leistungssteigerung wie auch zu einem Zuwachs an Freude, Glück, Sozialkompetenz und Selbstsicherheit führte.

Eltern, die sich und ihre Kinder nicht unter einen unsinnigen und eher schädlichen Zeitdruck setzen, dafür ihren Kindern Zeit zur Entfaltung lassen, dienen damit dem Wohl ihrer Kinder und unserer Zukunft.

Grundlegend formulierte Nelson Mandela 1998 die Zeitaufgabe anlässlich der Einweihung eines waldorfpädagogischen Zentrums in Südafrika deshalb so: »Eine Gesellschaft offenbart sich nirgendwo deutliche als in der Art und Weise wie sie mit ihren Kindern umgeht. Unser Erfolg muss am Glück und Wohlergehen unserer Kinder gemessen werden, die in einer jeden Gesellschaft zugleich die verwundbarsten Bürger und deren größter Reichtum sind.«

Artikel aus der Broschüre "Lasst den Kinder Zeit - Erziehung und Bildung für Kinder bis zur Schulfähigkeit" von Peter Lang aus der Reihe "Recht auf Kindheit - ein Menschenrecht" herausgegeben von der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V., Stuttgart.