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"Globalisierung" im besten Sinne

Das internationale Engagement der Waldorfpädagogik fördert weltweit Hilfe zur Selbsthilfe  

(Stuttgart) – Die Waldorfpädagogik ist die einzige pädagogische Bewegung, die eine globale Dimension erreicht hat. 900 Waldorfschulen sowie 2.000 Kindergärten und Förder-Einrichtungen gibt es in rund 70 Ländern auf sechs Kontinenten. Die Lehrinhalte und Bildungsangebote orientieren sich an den gesellschaftlich-sozialen, religiösen und kulturellen Gegebenheiten des jeweiligen Landes, die Schulgründungen beruhen immer auf Eigeninitiativen vor Ort. An Schulgründungspolitik oder gar Missionierung ist Waldorfpädagogen nicht gelegen. In den sozialen und ökonomischen Brennpunkten der Welt – in Bürgerkriegsgebieten, in den Elendsvierteln der Metropolen der so genannten Dritten Welt, in politisch-sozialen Umbruchprozessen – unterstützt der deutsche Verein Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V., sozusagen die Auslandsorganisation des waldorfpädagogischen Netzwerks, Projekte auf der ganzen Welt. Der Verein sammelt jährlich rund vier Millionen Euro Spenden, die diesen internationalen Projekten zu Gute kommen. Über den „Anderen Dienst im Ausland“, eine anerkannte Alternative zum Zivildienst, und weitere Freiwilligendienste entsendet der Verein außerdem Jugendliche in alle Welt, die sich in den pädagogischen und sozialen Einrichtungen engagieren.

Inmitten der Wellblechhütten der Favelas von Sao Paolo ist „Monte Azul“ entstanden. Aus der Hilfsinitiative ist im Laufe der Jahre ein prosperierendes Stadtgebiet mit Krankenhäusern, Kinderkrippen, Wirtschaftsbetrieben, Kultur- und Bildungsstätten geworden – ein Projekt, das international Anerkennung findet. Die erste Waldorfschule in einem südafrikanischen Township hat mit dem Unterricht in einer Garage begonnen. Es gibt viele Beispiele, die zeigen, wie aus einem Impuls heraus mit der nötigen Hilfe zur Selbsthilfe Waldorfeinrichtungen und andere Bildungsprojekte entstehen. „Wir engagieren uns weltweit an den Brennpunkten des Zeitgeschehens“, sagt Bernd Ruf, Vorstandsmitglied der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.. Der Verein ist sozusagen die Auslandsorganisation des deutschen Waldorfnetzwerks. Die Freunde der Erziehungskunst fördern Projekte auf der ganzen Welt mit rund vier Millionen Euro aus Spenden, die der Verein jährlich sammelt. In den Slums von Kalkutta, in den Townships Südafrikas, in den Favelas südamerikanischer Metropolen, in Bürgerkriegsgebieten wird auf diese Weise Unterstützung in akuten Notlagen geleistet oder langfristige Aufbauarbeit gefördert. Um nur einige Beispiele zu nennen: Im Städtchen Barao de Grajaú-Maranhao im armen Nordosten Brasiliens hat sich aus einer vor mehr als zehn Jahren gegründeten Nähschule für junge Frauen ein größeres soziales Zentrum entwickelt. In Bishkek/Kirgisien wurde unter dem Ehrenvorsitz des Schriftstellers Tschingis Aitmatov das integrative Zentrum „Nadjeschda“ (Hoffnung) eröffnet. Das Center for Creative Education in Kapstadt ist die einzige unabhängige Lehrerausbildungsstätte in Südafrika. Alle diese Initiativen werden mit Spendengeldern der Freunde der Erziehungskunst unterstützt. 

In Zeiten, in denen die Globalisierung zunehmend problematische Folgen für viele Menschen und Länder mit sich bringt, findet derselbe Begriff in Bezug auf die Waldorfpädagogik eine positive Ausformung. Ja, man könnte Rudolf Steiners freiheitliches, am Menschen orientiertes Bildungsverständnis geradezu als Exportschlager bezeichnen. Rund 900 Waldorfschulen gibt es heute in fast allen Ländern der Erde, außerdem rund 2.000 Waldorf-Kindergärten und heilpädagogische Einrichtungen. Ausgehend von Europa, sind seit der Gründung der ersten Waldorfschule in Stuttgart vor 85 Jahren erst in Nordamerika, dann auf allen weiteren vier Kontinenten Waldorf-Bildungsstätten gegründet worden. In
Afrika und Lateinamerika gibt es Waldorfschulen, Kindergärten, heilpädagogische Einrichtungen und Lehrerbildungsseminare. Im Bergdorf Rio Limpio in der Dominikanischen Republik hat die „Grupo Antroposofica“ ein Kulturzentrum etabliert, wo Kinder und Jugendliche, die sonst keine Chance auf Schulbildung hätten, in einer „Waldorf-Freizeitschule“ unterrichtet werden. In Ägypten wird seit 1986 ein Bildungszentrum auf der Sekem-Farm betrieben, dessen Gründer Ibrahim Abouleish im Jahr 2003 für sein Lebenswerk mit dem Alternativen Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Ein besonders starkes Interesse an der Waldorfpädagogik verzeichne man derzeit in Asien, in Indien beispielsweise, aber auch in Japan, sagt Bernd Ruf. Die jüngste Schulgründung erfolgte im chinesischen Chen Do. Ab Juni dieses Jahres wird die dortige Bildungsstätte offiziell als Waldorfschule anerkannt sein.

Seit der politischen Öffnung Osteuropas findet die Waldorfpädagogik auch dort zunehmende Verbreitung. Gerade in Ländern, in denen lange Zeit ein doktrinäres Gesellschaftssystem vorgeherrscht hat, scheint das Bedürfnis nach liberalen Schulmodellen besonders stark zu sein. „Die Bildungsmisere ist allgegenwärtig, in vielen Ländern wird daher nach Alternativen gesucht“, erklärt sich Bernd Ruf das ausgeprägte Interesse an der Waldorfpädagogik. Wichtig ist ihm dabei, stets zu betonen, dass die Initiative für Schulgründungen immer von den Menschen vor Ort ausgeht. „Wir betreiben keine Gründungspolitik und erst recht keine Missionierung.“ Die Ausformung der einzelnen Projekte, die Lehrpläne der Schulen seien immer an den lokalen sozialen und politischen Gegebenheiten und individuellen Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet: „Waldorfpädagogik konkretisiert sich in den jeweiligen Kultur- und Lebenskreisen.“ So haben beispielsweise in der Schule auf der Sekem-Farm in Ägypten auch die religiösen Gebräuche des Islam ihren Platz im Unterricht. Das Thema Mythologie wird an einer mexikanischen Waldorfschule anhand anderer Beispiele vermittelt als an einer deutschen. Ein Kulturimperialismus, in welcher Form auch immer, würde sich auch nicht mit der auf die individuelle, an den Bedürfnissen der Kinder und ihren spezifischen Entwicklungsphasen ausgerichteten Waldorf-Philosophie vereinbaren lassen.

Die Freunde der Erziehungskunst sind ein Zusammenschluss von Menschen, die sich – über die Verbindung zu einer einzelnen Einrichtung hinaus – für die weltweite Verbreitung der Pädagogik Rudolf Steiners und für ein grundsätzlich freies Schul- und Bildungswesen einsetzen. Der Internationale Hilfsfonds der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners wurde im Jahr 1976 gegründet. Heute hat der Verein, der im Jahr 2001 offizielle Beziehungen mit der UNESCO aufgenommen hat, 1.350 Mitglieder. In Kooperation mit dieser UNO-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation ist eine Ausstellung über „Waldorfpädagogik weltweit“ entstanden. Der Verein unterhält Büros in Karlsruhe, Stuttgart und Berlin, eine wichtige Säule seiner Aufgaben ist es, Spenden zu sammeln. Diese gehen im Übrigen zu hundert Prozent an die unterstützten Projekte. In Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) werden nach der Devise „Armutsbekämpfung durch Bildung“ auch kofinanzierte Projekte realisiert. Dabei steuert der Verein 25 Prozent der Kosten bei, die ansonsten das BMZ trägt. In der allgemeineren bildungspolitischen Arbeit – die Anliegen der Waldorfpädagogik international zu kommunizieren – arbeiten die Freunde der Erziehungskunst auch mit den Goethe-Instituten und der UNESCO zusammen.

Im Jahr 1994 wurde der Verein als Trägerorganisation für den „Anderen Dienst im Ausland“ anerkannt, der dem Zivildienst gleichgestellt ist. In 42 Ländern wurden 300 Dienststellen dieses Auslandsdienstes eingerichtet, der jährlich 300 bis 400 Jugendliche entsendet, womit die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. europaweit die größte Trägerorganisation für diesen alternativen Zivildienst sind. Weitere Freiwilligendienste für Jugendliche organisieren die Freunde der Erziehungskunst seit 1993, um Jugendlichen im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) oder eigener Programme nach der Schulzeit Auslandserfahrung zu vermitteln. „Das ist eine gute und sehr beliebte Orientierungsmöglichkeit für die Schulabgänger“, sagt Bernd Ruf, der auf diese Weise auch „Manpower“ gewinnt, um die zahlreichen internationalen Initiativen zu unterstützen. Rund 20.000 Anfragen von Jugendlichen habe man pro Jahr für diese Auslandseinsätze, so Ruf.

Bernd Ruf selbst ist erst vor wenigen Wochen aus dem Libanon zurückgekommen, wo er sich vor Ort ein Bild von der waldorfpädagogischen Arbeit in einem von Krisen geschüttelten Land gemacht hat. Er besuchte die Waldorfschule in Beirut und führte erste Gespräche über ein BMZ-Projekt. Vor allem jedoch galt sein Interesse der Einrichtung First Step Association (Fista), wo neun Zivildienstleistende des Anderen Dienstes in einem integrativen Projekt für Behinderte tätig sind. „Der Libanon ist ein Land am Rand des Bürgerkriegs, 18 verschiedene religiöse Gemeinschaften haben dort ihre jeweiligen eigenen Rechtsgrundlagen, und mittendrin findet pädagogische Arbeit vorwiegend mit behinderten Menschen statt“, berichtet der Vereinsvorstand Ruf tief beeindruckt. Seit nun über zehn Jahren engagiert sich der Schulleiter der waldorfpädagogischen Sonderschule in Karlsruhe in der internationalen Waldorf-Arbeit. Die Zeit im Ausland, so Ruf, sei für die Jugendlichen sehr prägend und nicht immer leicht zu verarbeiten.

Auf internationalen Kongressen wird der Austausch innerhalb der alternativpädagogischen Strömungen gepflegt. Im Mai wird Ruf an einem solchen Kongress in Südafrika teilnehmen – als Vertreter der einzigen pädagogischen Bewegung, die eine globale Dimension erreicht hat. Auch wenn sich die konkrete Umsetzung an den religiösen, kulturellen und sozialen Lebensbedingungen des jeweiligen Landes ausrichtet – der verbindende Gedanke bleibt, dass sich die Waldorfpädagogik immer an den individuellen Bedürfnissen des Kindes und seiner Entwicklung orientiert. Da wolle man, so Ruf, Impulse geben, damit die jungen Menschen ihr Leben selbst gestalten könnten. „Kinder kennen keinen Nationalismus“, sagt Bernd Ruf. „Wir arbeiten für die Kinder dieser Welt und damit für die Zukunft.“

zk-cg

 

Herausgeber:
Bund der Freien Waldorfschulen
Walter Hiller
Wagenburgstraße 6
70184 Stuttgart
Tel. 0711-2104225
hiller@waldorfschule.de  

Redaktion:
Zeeb Kommunikation
Anja Dowidat
Hohenheimer Straße 58a
70184 Stuttgart
Tel. 0711-6070719
info@zeeb.info

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