Per Mausklick durch die Kindheit
von Peter Lang
Der Computer ist im Kinderzimmer angekommen. Der erste Internet-Kindergarten ist eröffnet, Hard- und Software für Zweijährige ist längst auf dem Markt und wird den Eltern als pädagogisch wertvoll angepriesen. Doch aller Propaganda zum Trotz: Was Kinder in den ersten Lebensjahren brauchen, kann ihnen kein Computer geben. Im Gegenteil: Er raubt ihnen ihr Recht auf Kindheit.
Kinder sind Sinneswesen
Um die Welt verstehen und begreifen zu können, brauchen Kinder die sinnliche Wahrnehmung. Aus »erster Hand« wollen sie ergreifen, tasten, schmecken, riechen, hören und sehen. Vom Ergreifen zum Begreifen führt der Weg zur eigenen Erkenntnis.
Wie fühlt sich Wasser an, wie klingt Metall, wie Holz? Wie riecht ein Apfel? Wie sieht die Dämmerung aus, wie schmeckt Käsekuchen?
Der Computer dagegen bietet immer nur eine Welt aus »zweiter Hand«, er liefert Kopien und Imitate. Auch das beste Mal- und Bastelprogramm auf der zweidimensionalen Bildschirmfläche bringt mit seinem virtuellem Pinsel, künstlicher Schere und per Mausklick erzeugten Bewegungen nicht annähernd das Lernerlebnis, das mit realen Farben und Materialien verbunden ist.
Mehr noch: Es ist Betrug. Denn kleine Kinder können noch nicht zwischen realer und virtueller Welt unterscheiden. Kleine Kinder nehmen alles, was sich ihren Sinnen bietet und ihre Phantasiekraft animiert, als real, als wirklich, als echt an.
Erst der frei denkende, erkennende und urteilende Mensch kann sicher zwischen Schein und Wirklichkeit unterscheiden - Kinder können das noch nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass die Erwachsenen ihnen die Welt so zeigen, wie sie wirklich ist - und nicht, wie sie auf einem Bildschirm erscheint. Kinder haben ein Recht auf Wirklichkeit.
Kinder sind phantasiebegabte Wesen Die kindliche Phantasie ist eine schöpferische Kraft, die zunächst angewiesen ist auf Sinneswahrnehmungen und vielseitige Erlebnisse. Dann aber befreit sich das Kind mit ihr aus der reinen Sinneswelt, es löst das Wahrgenommene und Erlebte aus den ursprünglichen Zusammenhängen, und im eigenen, aktiven und schöpferischen Prozess kann etwas Neues entstehen, was sich nie und nirgends so begeben hat. Kinder schaffen mit der Kraft ihrer Phantasie täglich neue Welten. Sie tun dies in besonders intensiver Weise, weil sie in sich das tiefe Bedürfnis und die mitgebrachte Fähigkeit tragen, mit Interesse, mit Sympathie alles in sich aufzunehmen, es miteinander zu verknüpfen, zu vermischen und zu steigern.
Eine Kinder-Software mit ihren Handlungsvarianten wie: Richtig oder Falsch, Vor, Zurück und Weiter, mit Ja oder Nein bedeutet Behinderung und Einengung kindlicher Phantasiekraft und legt nicht das Fundament für kreative Fähigkeiten in späteren Jahren.
Dafür aber braucht man keine Computer. Freilassendes, noch nicht bis in Details ausgeformtes Spielzeug, natürliche Materialien in ihrer unbegrenzten Farb- und Formenvielfalt regen die schöpferischen Kräfte des Kindes mehr an als die beste Software. Märchen und Entdeckungsreisen in der Natur geben den Anstoß zu tatsächlich individueller Phantasietätigkeit, jede Software erlaubt nur die Ausgestaltung eines programmierten Rahmens. Kinder haben ein Recht auf eigene Phantasie.
Kinder sind Bewegungsmenschen
Wer die Welt erforschen soll, muss sich auf den Weg machen. Für Kinder bedeutet das: gehen, springen, klettern, balancieren, seilhüpfen, graben und Sandburgen bauen, es bedeutet aber auch Malen, Kneten und Gemüse schnippeln und dabei die eigene Fingerfertigkeit schulen und die Feinmotorik entwickeln.
Der Schweizer Psychologe Jean Piaget erkannte bereits in den 40-er Jahren des letzten Jahrhunderts in der Bewegung des Kindes eine wesentliche Grundlage für seine kognitive, soziale und emotionale Entwicklung. Er wusste: Wer seinen Gleichgewichtssinn nicht entwickelt, hat auch Probleme mit der seelischen Balance. Bewegungsstörungen korrespondieren mit einer verzögerten Sprachentwicklung. In dem Maße, wie die Sinnesentwicklung beeinträchtigt ist, ist auch die Verstandesentwicklung gestört, ist das Lernen behindert. Eine Gesellschaft, die die Sinnesentwicklung ihrer jungen Generation nicht fördert, beschneidet zugleich ihre gesamte intellektuelle Kapazität. <...>
Das komplette Heft 7 ist zu beziehen über
Bund der Freien Waldorfschulen
Fax 0711-21042-19
info@waldorfschule.de
|