Stuttgart, 01. Okt. 2009
Institut für Interkulturelle Pädagogik in Mannheim eröffnet
Waldorfschulen wollen ihre weltweite Erfahrung in die bildungspolitische Debatte einbringen – Prof. Süßmuth: „Schätze heben statt zu frühe Auslese“
Mannheim, 23.September. Die Waldorfschulbewegung will ihre weltweiten Erfahrungen in der interkulturellen Pädagogik mehr als bisher in die bildungspolitische Debatte einbringen. Dies unterstrichen Sprecher der Bewegung bei der Eröffnung des Instituts für Interkulturelle Pädagogik an der Freien Hochschule Mannheim.
In ihrem Impulsreferat auf der Veranstaltung, die in den Räumen der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim stattfand, forderte die frühere Bundestagspräsidentin und Migrationsexpertin Prof. Rita Süßmuth (CDU) Ernst zu machen mit der Förderung der Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland. „Wir müssen die Schätze heben und ihre Begabungen fördern“, betonte sie. Vor allem die frühe Auslese der Kinder wirke als Barriere, schon Fünftklässler fühlten sich „abgestellt“. Süßmuth bescheinigte der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim „Bildung zum Anfassen“. Gerade für Kinder mit Migrationshintergrund könne eine verstärkt musischhandwerkliche Bildung ein Wir-Gefühl durch gemeinsames Tun erlebbar machen. Hier habe die PISA-Studie zu falschen Weichenstellungen geführt. Die Hirnforschung zeige, dass der musischen Bildung wieder mehr Gewicht eingeräumt werden müsse. Süßmuth forderte die Öffentliche Hand auf, neue pädagogische Ansätze mehr zu unterstützen. Die gegenwärtige Krise berge große Chancen in sich, „aber nur, wenn wir etwas dazulernen“, betonte Süßmuth.
Dr. Albert Schmelzer, mit Christoph Doll zusammen Leiter des neu gegründeten Instituts, möchte mit der Arbeit seiner Einrichtung Hilfestellungen für Entscheidungen in Politik und Wirtschaft liefern. „Durch die Globalisierung stehen wir vor großen Herausforderungen, zum Beispiel durch die Armutsflüchtlinge. Wir alle müssen lernen, die Grenzen zwischen den verschiedenen Hautfarben zu überwinden und solidarisch zu handeln“, betonte er. Er sagte auch allen Initiativen die Unterstützung des Instituts zu, die sich für interkulturelle Bildung „von unten“ einsetzen. Eine Aufgabe des Instituts besteht auch darin, die Interkulturelle Waldorfschule Mannheim wissenschaftlich zu begleiten.
Walter Riethmüller, Vorstandsmitglied des Bundes der Freien Waldorfschulen, dankte den Mannheimer Waldorfpädagogen für ihr Engagement bei der Entstehung der Interkulturellen Waldorfschule und des Instituts. „Waldorfpädagogik war von Anfang an eine menschheitliche Pädagogik“, sagte Riethmüller. Der freiheitlich-pädagogischer Impuls, der vor 90 Jahren von Stuttgart ausgegangen sei, habe nun in Mannheim eine Form gefunden, in der sich "Waldorfpädagogik neu erfinden und verwirklichen wird“. Initiativen für Interkulturelle Waldorfeinrichtungen gibt es inzwischen auch in Stuttgart und Hamburg.
Mit der Gründung des Instituts für Interkulturelle Pädagogik an der Freien Hochschule Mannheim sollen Möglichkeiten der Finanzierung und Kooperation in der Forschung verbessert werden. Geplant ist u. a. eine Kooperation mit dem Institut für Berufspädagogik und Allgemeine Pädagogik der Universität Karlsruhe sowie mit der Musikhochschule Mannheim.
Forschungsprojekte des Instituts widmen sich u. a. dem Interreligiösen Dialog, der Ästhetischen Bildung und der Entwicklung einer Interkulturellen Geschichtsdidaktik. Wissenschaftlich begleitet wird u. a. auch ein neues Konzept des Religionsunterrichts, das Teamteaching durch Angehörige verschiedener Religionen vorsieht. Außerdem wird untersucht, wie durch künstlerischen Unterricht die Ausbildung von Empathiefähigkeit angeregt werden kann und wie Theaterpädaogik im interkulturellen Kontext wirkt.
Die Evaluation der Interkulturellen Waldorfschule soll vom Institut zusammen mit der Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung (GAB) München fortgesetzt werden. Eine Studie mit ersten Ergebnissen ist vom Bund der Freien Waldorfschulen im Mai in Stuttgart vorgestellt worden. Danach erzielte die Interkulturelle Waldorfschule auch ohne spezielle Fördermaßnahmen spektakuläre Erfolge bei den Deutschkenntnissen der Kinder mit Migrationshintergrund.
Cornelie Unger-Leistner
Hrsg. Peter Augustin
Pressereferent des Bundes der Freien Waldorfschulen
Wagenburgstraße 6
70184 Stuttgart
Tel. 0711-2104240
Mobil 0163 570 14 30
pr@waldorfschule.de
Links:
de/presse/index.html (Waldorfpädagogik auch bei Migrantenkindern erfolgreich)
http://www.freie-hochschule-mannheim.de
http://www.interkulturelle-waldorfschule.de
Über den Bund der Freien Waldorfschulen e.V.
Die deutschen Waldorfschulen haben sich zu einem Bund der Freien Waldorfschulen e.V. mit Sitz in Stuttgart zusammengeschlossen. Die föderative Vereinigung lässt die Autonomie der einzelnen Waldorfschule unangetastet, nimmt aber gemeinsame Aufgaben und Interessen wahr. Korporative Mitglieder sind derzeit 213 Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen sowie neun Seminare/Hochschulen für Waldorfpädagogik. Daneben gibt es rund 1.900 persönliche Mitglieder.
Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart eröffnet. Nach 90 Jahren Waldorfpädagogik gibt es heute weltweit über 1.000 Waldorfschulen sowie 2.000 Kindergärten und Förder-Einrichtungen in allen Erdteilen, darunter auch in Israel, Südafrika und Ostasien.
- Auf Augenhöhe – Dialog im Mittelpunkt
- Zukunftswerkstatt als Dialog zwischen Schülern und Experten
- Übergänge als große Herausforderung in der Pädagogik
- Kongress „90 Jahre Zukunft“: Hirnforschung bestätigt Methoden der Waldorfpädagogik
- Wie zukunftsfähig ist die Waldorfschule?
- Seit 90 Jahren eine „unverzichtbare Bereicherung“
- 90 Jahre Zukunft – Waldorfschulbewegung fordert Zugang zu freien Schulen für alle
- Einladung zur Pressekonferenz
- Neue Erziehungskunst
- Institut für Interkulturelle Pädagogik in Mannheim eröffnet