Verzicht auf Noten und Sitzenbleiben

06. April 09

Lüneburger Wissenschaftler fordert Radikalreform – Waldorfschulen unterstützen Initiative

Lüneburg/Stuttgart. Jörg Ziegenspeck, Professor für Erziehungswissenschaft und Erlebnispädagogik an der Universität Lüneburg, fordert eine Radikalreform des deutschen Schulsystems. „Nicht Auslese, sondern Förderung muss als oberstes pädagogisches Prinzip gelten”, so der Wissenschaftler in einem Interview mit der dpa. Ziegenspeck fordert ein einheitliches Schulsystem für alle 16 Länder ohne Noten und Sitzenbleiben bis zum 16. Lebensjahr. Diese Radikalreform möchte er mit Hilfe eines Bildungsrates durchsetzen, den Bundespräsident Horst Köhler einberufen soll. Henning Kullak-Ublick, Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen, unterstützt diesen Ansatz: „Ein Bildungsrat mit diesem Schwerpunkt könnte ein substanzieller Schritt auf dem Weg zu einer neuen Schulkultur in Deutschland werden“.

Neben der Abschaffung von Noten und Sitzenbleiben weist Ziegenspeck darauf hin, dass es deutlich zu früh sei, am Ende des vierten Schuljahres eine Entscheidung für eine weiterführende Schule zu fällen. Insbesondere häufige Abstufungen und viele Spätentwickler zeigten, dass sich die Gutachten der Grundschulen als Prognose nicht eignen. Chancengleichheit gebe es im deutschen Schulsystem immer noch nicht.

Kullak-Ublick betonte, dass die Waldorfschulen gerne ihren Beitrag zu diesem wichtigen Diskurs leisten wollen: „Es gehört zu den elementaren Grundsätzen der Waldorfschulen, auf Noten oder Sitzenbleiben zu verzichten. An Stelle dieser Disziplinierungsinstrumente steht das Ideal, einen vielseitigen und „binnendifferenzierten“ Unterricht zu machen, der das Ziel hat, Schülerinnen und Schüler unterschiedlichster Begabung zu begeistern“. Diese Erfahrungen der Waldorfpädagogik – Gesamtschule bis Klasse 12, Verzicht auf Noten und Sitzenbleiben – werde gerne in die Diskussion über eine Pädagogik der Zukunft eingebracht.

Ziegenspeck warf der Politik vor, soziale Schichten stabil halten zu wollen: „Oben soll oben bleiben, was unten geschieht, ist relativ egal“. Der Staat vernachlässige die endgültig zur Restschule verkommene Hauptschule in der Ausstattung und bezahle die Lehrer schlechter, obwohl gerade hier Förderung notwendig sei.

Chancengleichheit könne nur durch individuelle Förderung erreicht werden, pflichtet Kullak-Ublick dem Wissenschaftler bei: „Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass individuelle Förderung „Lebensbedingungen“ braucht, zu denen wesentlich die Eigeninitiative- und –Verantwortlichkeit der Lehrerinnen und Lehrer gehören. Eine verantwortliche Schulkultur kann sich in absehbarer Zeit aus unserer Sicht allerdings nur durch die gleichberechtigte Förderung freier und staatlich-kommunaler Schulen entwickeln, weil sie die pädagogische Initiative vor die Trägerschaft stellt“.

Über den Bund der Freien Waldorfschulen e.V.

Die deutschen Waldorfschulen haben sich zu einem Bund der Freien Waldorfschulen e.V. mit Sitz in Stuttgart zusammengeschlossen. Die föderative Vereinigung lässt die Autonomie der einzelnen Waldorfschule unangetastet, nimmt aber gemeinsame Aufgaben und Interessen wahr. Korporative Mitglieder sind derzeit 213 Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen sowie acht Seminare/Hochschulen für Waldorfpädagogik. Daneben gibt es rund 1.900 persönliche Mitglieder.

Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart eröffnet. Nach 90 Jahren Waldorfpädagogik gibt es heute weltweit über 1.000 Waldorfschulen sowie 2.000 Kindergärten und Förder-Einrichtungen in allen Erdteilen, darunter auch in Israel, Südafrika und Ostasien.

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