"Bewegung ist Nahrung für das Gehirn"
Forschung belegt Bedeutung des freien Spiels für Lernerfolg und Verhalten - Frühförderung entscheidend - Kongress der Alliance for Childhood in England
Von Rosemary Usselman und Tom Raines
LONDON(NNA). Die Einschränkungen der Kindheit in der heutigen Zeit, die Bedeutung des Spielens draußen für die Entwicklung und die Rolle des Lehrers als bestimmender Qualitätsfaktor des Lernens waren einige der Themen, die auf einer Erziehungskonferenz in London am Ende des vergangenen Jahres diskutiert wurden.
Die Konferenz mit dem Titel "Bewegung, Spiel und emotionale Beziehungen als Basis des Lernens" wurde organisiert von der "Alliance for Childhood" in Zusammenarbeit mit der University of East London. Die Alliance ist 1999 gegründet worden im Zuge einer Kampagne für den richtigen Umgang mit Kindern und für mehr Verständnis für sie.
Christopher Clouder, Mitbegründer und internationaler Direktor der Alliance for Childhood, eröffnete die Konferenz. Im Publikum saßen vor allem Menschen, die beruflich mit Kindern zu tun haben.
Clouder stellte fest, dass es in Großbritannien wissenschaftliche Studien gibt, nach denen 80 Prozent der Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren außer Haus betreut werden. Viele der Betreuungsplätze wiesen nach diesen Untersuchungen allerdings qualitative Mängel auf, sie entsprächen nicht den tatsächlichen Bedürfnissen der Kinder. Dieser Umstand führe auf lange Sicht zu einer Reihe von Problemen.
Allerdings, fügte Clouder hinzu, sei ein Anstieg in der Lebensqualität der Kinder in vielen Ländern zu verzeichnen, da immer mehr Regierungen die Notwendigkeit erkennen, mehr finanzielle Mittel für den Bereich der frühen Kindheit auszugeben. Es sei eine der Aufgaben der Alliance for Childhood, die Aufmerksamkeit auf die ungewollten Auswirkungen einer schlechten Politik in diesem Punkt zu lenken und diese auch nachzuweisen.
Er berichtete über eine Studie mit dem Titel "Soziale und Emotionale Erziehung", die von der spanischen Marcelino Botin Stiftung finanziert worden ist und vor kurzem publiziert wurde. Sie enthält Zahlenmaterial, das über einen Zeitraum von zehn Jahren an Schulen in Spanien und in anderen europäischen Ländern zusammengetragen worden ist. Aus dieser Studie gehe hervor, dass ein gutes Konzept pädagogischer Frühförderung unmittelbar Nutzen bringt in den Bereichen emotionale Gesundheit, akademische Bildung und soziales Verhalten. (Siehe NNA-Bericht vom 3.11.08)
Der Zusammenhang zwischen kindlicher Entwicklung und dem Lernen war das Thema des Vortrags von Sally Goddard Blythe, Beraterin für gehirngerechtes Lernen und Direktorin des Instituts für Neurologische Psychologie (INPP) in Chester, England. Es sei erwiesen, betonte sie, dass ungehinderte körperliche Aktivitäten in den frühen Lebensjahren entscheidend beitragen zur Entwicklung des Gehirns, die notwendig sei, um die Grundfertigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens zu beherrschen. "Bewegung ist Nahrung für das Gehirn", sagte sie, aber vielen Kindern würde heute keine Zeit mehr gegeben, sich körperlichen Aktivitäten zu widmen. Eine Untersuchung, die an Schulen durchgeführt worden sei, bei denen die Schulpflicht mit vier Jahren beginne, hätte bei fast der Hälfte der Kinder Anzeichen für ein unreifes Zentralnervensystem ergeben.
Zwinge man Kinder zu lesen und zu schreiben, bevor sie die notwendigen körperlichen Voraussetzungen dafür hätten, liefen sie später Gefahr, besondere Lernschwierigkeiten zu entwickeln, Leistungsstörungen sowie Verhaltensprobleme, die aus Frustration entstehen.
Blythe sprach sich dafür aus, die physische Beurteilung bei der Einschulung wieder einzuführen. Bis in die frühen 80er Jahre seien in Großbritannien drei Aspekte bei der Einschulung begutachtet worden - Aufmerksamkeit, Gleichgewichtssinn und Koordination - um zu sehen, ob das Kind schulreif war oder nicht. Bei einer Untersuchung dieser Bewertungen in einer vor kurzem veröffentlichten Studie habe sich gezeigt, dass ungefähr die Hälfte der Schulkinder im Alter zwischen fünf und sechs Jahren für den Prozess des Lernens noch nicht weit genug entwickelt gewesen seien. Bei 35 Prozent der acht- bis neunjährigen Schüler seien sogar noch Reste von "zurückgebliebenen kindlichen Reflexen" zu finden gewesen, aus denen die Kinder eigentlich schon hätten herausgewachsen sein müssen. Dies weise darauf hin, dass auch diese Kinder noch nicht weit genug entwickelt seien, um den Anforderungen der Schule wirklich zu genügen.
Mangelnde Übereinstimmung zwischen den Anforderungen und dem Entwicklungsstand des Kindes sei es aber, die zu auffälligem Verhalten und Lernstörungen führe. Die körperlichen Aktivitäten, die ein Kind seit seiner Geburt erfahren habe, seien eng mit seiner neurologischen Entwicklung verbunden. Gebe es nicht ausreichend Gelegenheit für die Kinder zu krabbeln, herumzulaufen und zu spielen, treffe man in den Schulen zunehmend auf Leistungsstörungen wie ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, englisch ADD Attention deficit disorder), deren Ursachen allerdings nicht erkannt würden.
Blythe sprach sich außerdem dafür aus, den Unterschieden zwischen Jungen und Mädchen mehr Rechnung zu tragen. Jungen und Mädchen entwickelten ihre
Fähigkeiten in verschiedenen Phasen, auf die gegenwärtig nicht im notwendigen Maß Rücksicht genommen werde. Ebenso würden Geburtsdaten oder Frühgeburten in Relation zum Beginn des Schuljahres nicht beachtet mit dem Ergebnis, dass in derselben Klasse Kinder Monate voraus oder zurück sein könnten gemessen an der durchschnittlichen Entwicklung. Trotzdem werde von allen erwartet, dieselben Aufgaben in der gleichen Zeit zu bewältigen. Diejenigen, die das Ziel nicht erreichten, würden dann als "Versager" abgestempelt.
Blythe unterstrich die Notwendigkeit, Eltern und Erzieher sowie die Öffentlichkeit mehr über den Zusammenhang zwischen körperlichen Aktivitäten und Gehirnentwicklung aufzuklären. Sie regte Interventionsprogramme in den Schulen an, wie das vom INPP entwickelte Programm, das an vielen Schulen angewandt werde. Hier zeige sich eine signifikante Verbesserung bei der Handlungsfähigkeit, bei der Konzentration und dem Selbstwertgefühl der Kinder. Auch bei Kindern mit ADS, die oft mit Medikamenten behandelt würden, sei eine Verbesserung nachzuweisen. Blythe verdeutlichte den Nutzen der Inventionsprogramme mit einer Reihe von beeindruckenden Beispielen.
Joan Almon, Vorsitzende der US-amerikanischen Alliance for Childhood und Beraterin im Bereich frühe Kindheit sprach zum Thema Spiel. Sie war für Jan White, Erziehungsberaterin mit dem Schwerpunkt Frühförderung Outdoor, eingesprungen, sie konnte an der Konferenz nicht teilnehmen. Sie begann mit einer Definition des Spielens als einem "Verhalten, das frei gewählt, persönlich gesteuert und intrinsich motiviert" ist. Wenn Kinder selbst steuern, was sie tun wollen, sei es Spiel, wenn es von Erwachsenen organisiert würde, tendiere die Aktivität in Richtung Sport. Sie betonte die Wichtigkeit, eine Umgebung zu erhalten, in der Kinder spielen können.
Spielen in der Natur sei fast verschwunden in den Schulen und die Angst der Eltern vor dem "guten Onkel" trage dazu bei, viele Kinder in den Wohnungen zu behalten. Draußen zu spielen, sich mit der natürlichen Welt auseinanderzusetzen, sei aber eine existentielle Erfahrung, die Kindern helfe, Vertrauen zu entwickeln. Im Spiel draußen würden alltägliche Situationen nachgespielt, soziale Kompetenz und Zusammenwirken würden geübt - Fähigkeiten, die die Arbeitgeber unserer Zeit immer mehr an den jungen Leuten vermissten.
In wissenschaftlichen Studien werde auch gezeigt, dass viele Kindergärten mehr lehrend arbeiteten und fast ihre ganze Zeit darauf verwendeten, die Kinder auf Tests in Lesen, Schreiben und Rechnen vorzubereiten. Nur eine halbe Stunde pro Tag sei für das freie Spiel vorgesehen.
Jenny Drake, früher Grundschullehrerin mit 20 Jahren Berufserfahrung, jetzt Dozentin im Bereich Erziehungsziehungswissenschaft an der Winchester University sprach zum Thema Liebe im Klassenzimmer. Die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen und nicht dort, wo man sie gern hätte bringe Nutzen für beide, den Lehrer und den Schüler, schilderte sie aus ihrer eigenen Unterrichtserfahrung. Liebe bedeute, die Kinder anzunehmen und auch die Unterschiede zwischen ihnen zu akzeptieren.
Penny Wilson, eine weitere Rednerin, arbeitet als "play worker" auf Abenteuerspielplätzen in London. Play worker sind dafür da, passende Umgebungen zu schaffen, in denen die Kinder ohne Anleitung oder Aufsicht durch die Erwachsenen spielen können, das Spiel selbst organisieren sie nicht.
Penny Wilson berät kommunale Einrichtungen und Wohnungsgesellschaften in East London, wo viele Spielplätze heute verwaist und ohne Ausstattung sind.
Sie versucht, die Behörden davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, dass Grundstücke an geeigneten Orten zur Verfügung gestellt werden, die sich für Kinder eigenen und an denen sie sicher und ohne Aufsicht von Erwachsenen spielen können. Sie berichtete, wie viele Bewohner von Wohnblöcken nie erfahren hätten, was es bedeute, im Freien zu spielen. Diese Situation möchte sie ändern, indem Plätze geschaffen werden, zu denen auch die Eltern Zutrauen haben können. "Spielmangel" sei ein Faktor, der nachgewiesenermaßen auch zur Entstehung von Kriminalität beitrage.
Sie kritisierte auch den Trend, Unmassen von Spielzeug zur Verfügung zu stellen, den Kindern dann aber keine Zeit zu lassen, um in ein kreatives Spiel einzutauchen. Auch Spielplätze könnten das Spiel der Kinder behindern, wenn ihre Ausstattung die Aktivitäten nur in eine Richtung lenke und Spielen im Matsch, mit Stöcken, mit Wasser verhindere. Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Kinder auf der ganzen Welt in einer ähnlichen Weise spielten, wenn man sie ihre eigenen Pläne umsetzen lässt.
END/nna/ung
Bericht-Nr.: 090120-04DE Datum: 20. Januar 2009
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