Waldorfschulen sind ...

 

... Teil einer Bewegung


Die Waldorfpädagogik hat Erfolg. Es gibt gegenwärtig mehr als tausend Waldorfschulen in 65 Ländern, die meisten davon in Westeuropa, in Nordamerika und in Australien/Neuseeland. Seit 1970 hat sich ihre Zahl fast verzehnfacht. Daneben gibt es mehr als 1700 Kindergärten und mehr als 500 heilpädagogische Einrichtungen, die nach waldorfpädagogischen Methoden arbeiten.

Eltern bringen ihre Kinder dorthin, weil sie sich davon mehr individuelle Förderung versprechen, weil sie traditionelle humanistische Bildungsinhalte und ein breites Angebot künstlerischer Übungen schätzen, weil sie sich von einer familiären, Vertrauen erweckenden Atmosphäre angezogen fühlen.

Bereits im Jahre 1984 brachte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ eine Serie über die Nachfolger Steiners, die „Anthroposophen“.  Der Autor dieser ebenso fairen wie kritischen Reportage hatte zwei Jahre lang gründlich recherchiert.

Die Waldorfpädagogik erschien dabei zum ersten Mal öffentlichkeitswirksam nicht bloß als Erziehungsmethode, als ein Ableger der „Reformpädagogik“ des frühen 20. Jahrhunderts, wie sie sich bis dahin gern selbst dargestellt hatte, sondern als Teilbereich  der umfassenden anthroposophischen Bewegung.

Eine Bewegung der Lebensreform auf der Basis eines Menschenbildes, das nicht nur körperliche und seelische Gesichtspunkte, sondern auch geistige einbezieht – was vielleicht gerade die Grundlage ihres Erfolges ausmacht.

Würde der Spiegel-Reporter heute, nach fünfundzwanzig Jahren, seine Serie noch einmal schreiben, wäre sie noch um ein Vielfaches umfangreicher: Heilpädagogik, boomende  Demeter-Landwirtschaft, eine breit wirksame Ganzheitsmedizin, organisch-plastische Architektur,  Initiativen für ein humanes Geldwesen, Wirtschaftsbetriebe wie die  dm-Drogeriemarkt-Kette oder die Heilmittel- und Kosmetik-Hersteller Wala und Weleda  sind wohl heute in der Öffentlichkeit am meisten präsent.

Und was all diese Bereiche verbindet ist ihre Arbeit auf der Basis des Menschenbilds der Anthroposophie.

... unabhängig und selbstverwaltet


Öffentlich wirksam wurde die Pädagogik  Rudolf Steiners mit der Eröffnung der ersten Freien Waldorfschule in Stuttgart im September 1919.

Es wird gern übersehen oder für unwichtig gehalten, dass diese Schule im Zuge einer politischen Kampagne  begründet worden ist, als Keimzelle für die Befreiung des Kulturlebens von den Mächten des Staates und der Wirtschaft.

Steiner hat gegen Ende des Ersten Weltkriegs die Ideale der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – auf den Boden soziologischer Tatsachen gestellt, indem er zeigte, dass Freiheit ins Kultur- und Geistesleben gehört, überall dahin, wo es auf die Entfaltung individueller Fähigkeiten ankommt, Gleichheit ins Rechtsleben, wo es um demokratische Entscheidungsprozesse geht, an denen alle Menschen in derselben Weise zu beteiligen sind, und „Brüderlichkeit“, das Sorgen für die Bedürfnisse anderer, in den Bereich der Wirtschaft. Hierauf begründet Steiner seine Forderung nach Selbstverwaltung des Kulturlebens und damit auch des gesamten Bildungswesens.

Nach traditioneller Auffassung, die von den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts ins Extrem getrieben wurde, hatte der Mensch seiner Nation und damit dem Staat zu dienen. Nach Steiner ist der Staat für den Menschen da. Die Idee von der „Dreigliederung des sozialen Organismus“ nimmt vorweg, was nach dem Zusammenbruch von 1945 als höchstes Prinzip der deutschen Verfassung formuliert wurde: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Der einzelne Mensch soll sich frei entfalten können. Der Staat hat diesen von den Zeitumständen geforderten Emanzipationsprozess vor den Übergriffen wirtschaftlicher oder anderer gesellschaftlicher Mächte zu bewahren, nicht aber von sich aus zu leiten.

Was Rudolf Steiner vorschwebte, ist die aktive individuelle Beteiligung aller Menschen an Tätigkeiten in allen drei Funktionssystemen des „sozialen Organismus“.

Gerade für den Lehrer, der für die nachwachsende Generation als Vorbild fungiert, komme es darauf an – so Steiner mit Emphase in den Volkspädagogischen Vorträgen vom Sommer 1919 - „dass er ist arbeitend, wirklich arbeitend in allen dreien“. Was war damit gemeint? Sollten Lehrer und Erzieher nicht bloß bei Kindern tätig sein, sondern auch in der Landwirtschaft, als Handwerker oder Fabrikarbeiter? Sollten sie ihre Schule oder ihren Kindergarten als selbstständige Unternehmer führen können? Sollten sie mit Geld umgehen und Marketing betreiben? Und dann auch noch politisch aktiv sein?

Vieles spricht dafür, dass Steiner an so etwas gedacht hat.

In einer Reihe von Waldorfschulen Deutschlands und der Schweiz sind Steiners Anregungen für eine uneingeschränkte Selbstverwaltung in professionell begleiteten Praxisversuchen breit erprobt worden. Niemand hat bisher so überzeugend gezeigt, dass Selbstverwaltung zwar kontinuierlicher kollegialer Pflege bedarf, dass sie aber durchaus möglich und machbar ist.

... keine Weltanschauungsschulen


Was nun hat die Pädagogik der Waldorfschule mit „Anthroposophie“ zu tun?

Nach der berühmten Definition, die Steiner für das Brockhaus-Lexikon niedergeschrieben haben soll, ist Anthroposophie „ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte“.

Wie denkt sich Steiner den „Erkenntnisweg“ seiner Anthroposophie? Im Unterschied zum materialistischen Positivismus, der das Subjekt der Erkenntnis, den Forscher, unreflektiert als gegeben voraussetzt, ist er der Meinung, dass der Erkennende sich selbst verändern könne. Jeder Mensch sei in der Lage, durch entsprechende Übungen neue Fähigkeiten des Wahrnehmens auszubilden.

In diesem Ansatz liegt ein eminent pädagogischer Impetus. In jeder Schule, in jedem Kindergarten geht es um den Erwerb neuer Fähigkeiten des Wahrnehmens und des Verarbeitens von Wahrnehmungen, ganz ähnlich wie in jedem Forschungslabor. Hier berühren sich Steiners Beschreibungen esoterischer Übungswege der Anthroposophie und die Kern-Ideen seiner Pädagogik.

Damit ist nicht gemeint, wie manche Kritiker behauptet haben, dass in der Waldorfschule eine „Erziehung zur Anthroposophie“ betrieben werde. Die Übungswege der Anthroposophie sind eine Sache für Erwachsene. Sie erfordern seelische Stabilität, ausgereifte Besonnenheit und eine gehörige Portion Selbstkritik, die bei Kindern und Heranwachsenden nicht vorausgesetzt werden können.

In einem wichtigen Punkt jedoch gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen jedem individuellen Lernvorgang, auch in Kindergarten und Schule, und dem anthroposophischen Übungsweg: es ist die – auch anderswo in der Pädagogik -   viel diskutierte Rolle der Intuition.

Jeder Künstler kennt die produktiven Momente, in welchen der entscheidende Einfall für das aufleuchtet, was ihm zunächst noch unbestimmt vorgeschwebt hat. Albert Einstein  beschreibt, wie solche Einfälle sogar für den rein logisch operierenden Mathematiker wegweisend sind. Oft geht ihnen eine beschwerliche Strecke des Sammelns, des Beobachtens, des Abwartens und des Übens voraus, ehe die Einsicht aufleuchtet.

Die von Steiner beschriebenen Übungswege führen systematisch an solche Grenzorte eines noch im Werden befindlichen Erkennens heran, an den Bereich der noch ungelösten Rätselfragen, die das Leben uns stellt, und legen uns nahe, an diesen Grenzen des Erkennens mit ruhiger Besonnenheit abzuwarten, was sich dort zeigen will. In seinen Vorträgen für das Lehrerkollegium der ersten Waldorfschule führt Steiner aus, was Lehrer und Erzieher für die Sensibilisierung ihres pädagogischen Wahrnehmungsvermögens und für ihre intuitive Produktivität, die Kunst der „guten Einfälle“, aus solchen  Vorstellungen und Übungen gewinnen können. Ein schönes Beispiel dafür sind die „Kinderbesprechungen“ in der Lehrerkonferenz einer Waldorfschule.

... mit Absicht liebevoll gestaltet


Wer mit kleinen Kindern zu tun hat, staunt immer wieder über die faszinierenden ersten Anläufe zum Begreifen und Verstehen der Welt, die sich da beobachten lassen. Im Unterschied zum Tier, das seinen Wahrnehmungen ohne selbstbewussten Willen ausgeliefert ist und tut, was Instinkt, Trieb und Begierde ihm vorschreiben, lernt jeder gesunde Mensch schon sehr früh, unterschiedliche Wahrnehmungen zueinander in Beziehung zu setzen. Zunächst handelt es sich dabei um Ausdruckswahrnehmungen, wie beim Lächeln der Mutter. Später konsolidiert sich aus den ersten, noch fließenden Eindrücken die feste Gegenstandswelt unseres Erwachsenenbewusstseins; noch später dann, unterstützt von mathematischen Vorstellungsübungen, die abstrakte Begriffswelt moderner Wissenschaft.

Durch das Herstellen von Beziehungen zwischen den Tatsachen seiner Wahrnehmungswelt – so Steiner – werde der Mensch „erziehungsfähig“.1Vortrag vom 17. 6. 1909, GA 107.

Und so gehören zur Waldorfpädagogik ein reiches Erlebnis-Angebot in den verschiedenen Künsten , Spielfreude, Sprache und Bewegung, Farben, „organische“ Schulbauten, Konzerte und Theateraufführungen, Feste und Feiern, kleine und große Rituale, rhythmische Prozesse im Tages- und Jahreslauf, aber auch im Ablauf jeder einzelnen Schulstunde, handwerkliche Übungen, ein Schulgarten, schmackhaftes Essen und erlebnisreiche Ausflüge in die freie Natur.

In der Oberstufe schließen sich an:Praktika und andere Projekte in der Landwirtschaft, in Handwerk und Industrie, in modernen Wirtschaftsbetrieben oder in der Entwicklungshilfe.

Hier liegt das Prinzip des „entdeckenden Lernens“ zugrunde: Jedes Kind nimmt sich da, wenn man es anregt und frei lässt, was es für seine Entwicklung braucht.

... auf individuelle Förderung der Schüler ausgerichtet 


Die Praxis des Milieu-Bildens differenziert sich bei Steiner gemäß dem Lebensalter der Kinder und Jugendlichen in drei verschiedene Stil-Arten des pädagogischen Wirkens. Im ersten Jahrsiebt, bis etwa zum Zahnwechsel, schafft der Erzieher, die Erzieherin Gelegenheiten zum Nachahmen; im zweiten Jahrsiebt kommt die Klassenlehrerin, der Klassenlehrer dem natürlichen Bedürfnis des Kindes nach einem reifen Vorbild, einer geliebten Autorität entgegen; erst für den jungen Menschen nach der Pubertät verlagert sich der Schwerpunkt des pädagogischen Geschehens auf Information und auf die Förderung selbstständiger Urteilsbildung.

Bis zum zwölften Lebensjahr, in welchem das Kind – nach Jean Piaget ebenso wie nach Steiner – die Entwicklungsstufe des Erwachsenenbewusstseins erreicht, kommt es im Unterricht auf das „Beleben“ der Dinge an, auf Nahrung für die sich entwickelnde innere Vorstellungswelt des Kindes, seine Phantasie. Deshalb die Märchen, die „sinnigen Geschichten“ der ersten Schuljahre, die breite Behandlung der großen Mythenkreise Europas im „Erzählteil“ des Hauptunterrichts. Deshalb auch ein an konkreten Beobachtungen und  Bildern und nicht an abstrakten Modellvorstellungen orientierter Unterricht in der ersten Naturkunde.

Wissenschaftliche Begriffsbildung im engeren Sinne hat ihren altersgemäßen Platz erst in der Oberstufe, nach der Pubertät. Dort wird dann auch das Weltbild der modernen Naturwissenschaften in die Betrachtungen des Unterrichts einbezogen.

Die schematisierenden anthropologischen Begriffssysteme, die später aus den fragmentarischen Äußerungen Steiners von einigen seiner Nachfolger hergestellt worden sind und deren oberflächliche Weitergabe den Waldorfschulen immer wieder den Vorwurf des Dogmatismus eingetragen hat, waren bei ihm selbst nie so gemeint. Ihm kam es auf pädagogisches Leben an, nicht auf absolut gültige abstrakte Wahrheiten.

Dieser  Text ist eine Kurzfassung eines längeren Manuskripts von Johannes Kiersch über die Grundlagen der Waldorfpädagogik. Die ausführliche Fassung einschließlich weiterführender Literaturhinweise kann beim Bund der Freien Waldorfschulen angefordert werden.