„Wachheit, Neugierde und Enthusiasmus wecken“

Symposion der Alanus-Hochschule befasste sich mit Qualität des Unterrichts an der Waldorfschule – Dialog mit der akademischen Pädagogik angestrebt


Bonn. Qualitätsfragen des Unterrichts an der Waldorfschule standen im Mittelpunkt eines Symposions, das im Mai 2007 an der Alanus-Hochschule in Alfter stattfand. Da es aber erklärtes Ziel der Hochschule ist, auch zum Dialog zwischen der Waldorf- und der allgemeinen Pädagogik beizutragen, sollte gleichzeitig betrachtet werden, was beide Bereich sich an Impulsen gegenseitig geben können.

Prof. Jost Schieren, weltweit erster Professor für Waldorfpädagogik an der Alanus-Hochschule hat die Referate jetzt in einem Sammelband mit dem Titel „Was ist und wie entsteht: Unterrichtsqualität an der Waldorfschule?“ herausgegeben. (*) Einbezogen wurde der gegenwärtige Diskussionsstand der Bildungswissenschaft, neue empirische Studien zur Waldorfpädagogik sowie die Unterrichtspraxis selbst.

Schieren untersucht in seinem eigenen Beitrag zum Symposion den bildungsphilosophischen Hintergrund der Waldorfpädagogik, die sich als dezidiert subjekt- und persönlichkeitsorientiert versteht. Von daher lautet seine Ausgangsthesse: die Qualität von Unterricht hängt wesentlich mit der Verstehensleistung der Schüler, mit dem Prozess des Verstehens zusammen. Verstehen bedeutet danach nicht, dass man Antworten erhält, sondern dass man weitere Fragen zu stellen vermag. Als optimale Atmosphäre von Unterricht nennt Schieren „ Wachheit, Neugierde und Enthusiasmus“. Im Folgenden schildert Schieren diejenigen spezifischen Element des Waldorfschulunterrichts, die geeignet sind, den Verstehensprozess zu befördern. Hier sind es vor allem das Anknüpfen an schon Verstandenes und Bekanntes sowie vollbewusste Erfahrungsmöglichkeiten, auf die die Waldorfpädagogik setzt. Von daher z.B. das Bestehen der Waldorferzieher  auf eher unfertigem Spielzeugen, die die Phantasie der Kinder anregen.

Schieren setzt sich in diesem Zusammenhang auch mit der Anthroposophie auseinander, auf deren Hintergrund Rudolf Steiner die Waldorfpädagogik entwickelt hat. Hier kritisiert Schieren, dass diejenigen, die Steiner Unwissenschaftlichkeit vorwerfen, sich selten damit beschäftigen, wie Steiner seine Position im Rahmen der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie verortet hat.

Ganz im Trend der neuesten pädagogischen Literatur findet sich die Waldorfpädagogik beim Thema Urteilen, wo sie davor warnt, kleinere Kinder mit Entscheidungen und Urteilen müssen zu überfordern und den Eintritt der Urteilsreife erst mit der Pubertät ansetzt.

Was es im Unterricht bedeutet, den  Schüler und seine Entwicklung konsequent in den Mittelpunkt zu stellen, erläutert Prof. Peter Schneider, ebenfalls Alanus-Hochschule in seinem Beitrag zum schülerzentrierten Unterricht.

Hier geht die Waldorfpädagogik davon aus, dass es nur einer vollen Entfaltung der personalen Anlagen kommt, wenn die inneren differenzierten Entwicklungen (Polaritäten) durch geeignete Lernangebote herausgefordert und ermöglicht werden. Selbstständigkeit sei darin begründet, dass der Mensch im Spannungsfeld zahlreicher inneren Polaritäten stünde, schreibt Schneider, z.B. die Polarität von Erkennen und Handeln, von individueller und sozialer Identifikation, von Bewahren und Verändern. Durch einen schülerorientierten Unterricht müsse dieses Spannungsfeld im Einzelnen erst aufgebaut werden. Lernangebote müssten dem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechen und genau denjenigen Entwicklungsschritt ermöglichen, der der Lerndisposition zugrunde liegt. Notwendig sei eine „Allseitigkeit des Lernangebots“ (S.43). Hier liege das besondere Konzept der Waldorfpädagogik, das versuche, diese Aufgabe durch den konsequenten Aufbau des künstlerischen und auch des praktischen Lernens zu lösen.

Michael M.Roth, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Alanus-Hochschule stellt in seinem Beitrag die Waldorfpädagogik mit ihrem schülerzentrierten Ansatz in den Diskurs um professionelle pädagogische Handlungskompetenz in der Pädagogik und befasst sich mit der Rolle der Intuition im pädagogischen Handeln. Er setzt sich kritisch mit dem inflationären Gebrauch des Begriffs der Kompetenz in der Pädagogik

Auseinander. Mit dem Begriff der Kompetenz rücke – im Gegensatz zur Qualifikation als Anwendungswissen und –können der Mensch als ganzheitliche Person ins Zentrum des von ihm selbst organisierten Entwicklungsgeschehens. Der Kompetenzbegriff beruhe auf einem Menschenbild der Selbstentwickung und – verantwortung.

Hier sehen die Referenten des Kongresses ein wichtiges Verbindungsglied zur philosophischen Basis der Anthroposophie Rudolf Steiners, dem ethischen Individualismus.

Prof. Heiner Ullrich, Universität Frankfurt berichtet in seinem Beitrag von einem Forschungsprojekt, das sich  mit dem Physikunterricht an der Waldorfschule  befasst. Von dieser Fragestellung erhofft sich Ullrich   Erkenntnisse darüber, wie das Interesse der Jugendlichen für das Fach Physik gesteigert werden könnte. Möglicherweise hänge die geringe Akzeptanz des Physikunterrichts an den Regelschulen in Deutschland mit dessen Methoden zusammen, schreibt Ullrich. Das Projekt untersucht den  phänomenologisch orientierten Physikunterricht an der Waldorfschule, der von unmittelbar sinnlich erfassbaren erstaunlichen Naturphänomenen ausgeht und auf ein „erlebendes Verstehen“ der Natur setzt. Die Lernenden sollen so den Weg von der Alltagswahrnehmung zum exakten naturwissenschaftlichen Denken selbst nachbeschreiten.

In einer ersten Auswertung kommt er zu dem Ergebnis, dass der Unterricht sich im Vergleich zur Regelschule durch eine Einbeziehung der Lebenswelt der Schüler auszeichnet. Mit Lernhemmungen und geringer Motivation habe allerdings auch dieser Physikunterricht zu kämpfen und wie in der Regelschule sei eine Dominanz der Jungen festzustellen. Hinsichtlich der verschiedenen Lernniveaus im Unterricht, der vom Hauptschüler bis zum Gymnasiasten reicht, fordert Ullrich eine besser erkennbare Binnendifferenzierung des Lernangebots.

In einem weiteren  Beitrag von Dr. Florian Schulz,  Dozent am Lehrerseminar Kassel, wird ein konkretes Beispiel aus dem Physikunterricht vorgestellt.

Prof. Dirk Randoll von der Alanus-Hochschule referierte auf dem Symposion die Ergebnisse seiner Studie zu Absolventen der Waldorfschule, an der sich 1124 ehemalige Waldorfschüler zwischen 21 und 82 Jahren beteiligt haben. Vieles der in dieser Studie ermittelten Ergebnisse spreche dafür, dass Waldorfschulen eine „personenbezogen-demokratische Schulkultur“ vorzuherrschen scheint, die durch „gegenseitiges Vertrauen, Rücksichtsnahme und das Gewähren von Freiräumen zwischen Lehrenden und Lernenden gekennzeichnet“ ist. (S.158)
Insgesamt beurteilen alle Befragten die fachliche Kompetenz ihrer Lehrer zu 76 Prozent positiv, die methodisch-didaktische zu 64 Prozent. Kritischer sehen allerdings die jüngsten Teilnehmer die Lehrer. 40 Prozent der Befragten meinen, dass ihre Lehrer fachlich nicht kompetent gewesen seien.

Randoll stellt sich die Frage, ob sich die Qualität des Unterrichts tatsächlich verändert habe oder ob dieses Ergebnis nicht auch den Imageverlust des Lehrerberufs in den letzten Jahrzehnten widerspiegelt. Es könne auch ein Indiz dafür sein, dass die Erwartungen der Schüler heute höher seien als früher. Weitere Untersuchungen sollen diesen Zusammenhang aufklären helfen.

Zu dem Vorwurf, in den Waldorfschulen würden Schüler im Sinne der Anthroposophie Rudolf Steiners beeinflusst, äußersten sich die Absolventen ebenfalls. Über 60 Prozent der Absolventen aller Jahrgänge gaben an, dass die Anthroposophie im alltäglichen Schulleben kaum eine Rolle gespielt habe.

Randoll kommt insgesamt zu dem Schluss, dass die Stärke der Waldorfschulen eindeutig in ihrem ganzheitlichen Lernansatz liege :“ Die Freien Waldorfschulen entlassen ihre Schüler daher mit einem unerhörten Repertoire an Erfahrungen, Fertigkeiten und Erkenntnissen, mit mannigfaltigen sozialen Fähigkeiten, zudem neugierig, interessiert, seelisch-geistig bereichert sowie grundsätzlich dem Leben gegenüber positiv eingesellt.“ (S.177) Einige von den Befragten zum Ausdruck gebrachten Defizite seien auch schlicht auf die „ungenügenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ zurückzuführen, unter denen die Waldorfschulen im Vergleich zu den staatlichen Schulen zu arbeiten haben.

Über Qualitätsmanagement an den Waldorfschulen berichtet Klaus-Peter Freitag, Leiter eines Forschungsprojekts „Neue Bewertungs- und Prüfungsformen“. Bereits 2005 haben sich die Schulen sich in einer Vereinbarung verpflichtet, sich um die Qualitätsentwicklung zu kümmern. Außerdem stellt er erste Ergebnisse des Forschungsprojekts „Neue Bewertungs- und Prüfungsformen“ vor, bei dem es um den Nachweis von im Unterricht erworbenen Kompetenzen mit Hilfe von Portfolio-Methoden geht. Dabei handelt es sich um ein zweijähriges qualitätsentwickelndes Praxisforschungsprojekt an sieben Waldorfschulen in NRW von 2004- 2006, das von der Alanus-Hochschule wissenschaftlich begleitet wurde.

Freytag, der 18 Jahre lang als Oberstufenlehrer an Waldorfschulen tätig war, erläutert in seinem Beitrag auch, welche Bedeutung spirituelle Aspekte in der Pädagogik heute haben können. Dazu zitiert er Albert Einstein, der die Auffassung vertreten habe, dass die Probleme, die es heute in der Welt gebe, nicht mit den gleichen Denkweisen gelöst werden könnten, die sie erzeugt hätten.

Peter Augustin

(*) Alle Zitate aus Schieren, Jost, Was ist und wie entsteht Unterrichtsqualität an der Waldorfschule? Koepaed Verlag München 2008