Bund der Freien Waldorfschulen weist Vorwurf mangelnder Kritikfähigkeit zurück
18.9.2008
Berlin/Stuttgart. Der Bund der Freien Waldorfschulen hat den Vorwurf zurückgewiesen, er habe mit seiner einstweiligen Verfügung gegen das „Schwarzbuch Waldorf“ des Journalisten Michael Grandt einer Diskussion mit Kritikern der Waldorfschulbewegung ausweichen wollen. Grundsätzlich sei der Bund der Freien Waldorfschulen bereit zum Dialog mit Kritikern, der auch oft sehr fruchtbar gewesen sei zum Beispiel auf Symposien und Kongressen, sagte Henning Kullak-Ublick in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur.
Im Fall des „Schwarzbuch Waldorf“ handele es sich jedoch darum, dass der Autor versuche, ein Bild der Waldorfschulen aufzubauen, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun habe. Deswegen sei der Bund der Freien Waldorfschulen von sich aus auf das Gütersloher Verlagshaus zugegangen mit der Bitte um ein Gespräch über die offenkundigen Mängel des „Schwarzbuchs“.
Der Verlag habe diese Möglichkeit jedoch nicht eingeräumt, es sei lediglich ein Gespräch nach Erscheinen des „Schwarzbuchs“ angeboten worden. „Dadurch blieb uns gar nichts anderes übrig, als den juristischen Weg zu gehen“, betonte Kullak-Ublick. Auch jetzt stehe der Bundesvorstand immer noch zu seinem Gesprächsangebot über die rund 120 Stellen im „Schwarzbuch“ zur Verfügung, die nach Auffassung des Bundes als unzutreffend, entstellend oder faktisch falsch zu bewerten seien.
Es sei beispielsweise „absolut unzulässig“, den Waldorfschulen vorzuwerfen, sie befürworteten die körperliche Züchtigung von Schülern. „Es ist ein durchgängiger Konsens in der Waldorfschulbewegung, dass körperliche Strafen unzulässig sind“, sagte Kullak-Ublick. Dies habe schon zu Zeiten der ersten Waldorfschule 1919 gegolten, während in Bayern zum Beispiel Prügelstrafen noch bis 1980 erlaubt gewesen seien.
Kullak-Ublick wies außerdem darauf hin, dass gerade die Waldorfschulen unter einer intensiven öffentlichen Beobachtung stehen. „Diese Beobachtung muss man in die Zehntausende rechnen, das sind 50 000 Waldorfeltern allein in Deutschland. Und das sind überwiegend Menschen, die gewohnt sind, sehr kritisch zu denken, weitaus mehr als an anderen Schulen“. Die Entscheidung, seine Kinder auf eine andere als auf die Regelschule zu schicken, setze voraus, dass man sich mit Fragen der schulischen Bildung in einem erhöhten Maße auseinandergesetzt habe.
Kullak-Ublick nahm in dem Interview auch zum Vorwurf des Rassismus gegen den Gründer der Waldorfschulen, Rudolf Steiner, Stellung. Diese Vorwürfe seien auch in der anthroposophischen Bewegung intensiv diskutiert worden, es handele sich dabei um eine „aktive Auseinandersetzung und nicht darum, dass man ihn unkritisch nachbetet“, betonte Kullak-Ublick. Es gebe im Werk Steiners unbestritten einzelne Stellen, die nach heutigem Verständnis diskriminierend wirkten. „Es ist jedoch unfair, wenn man Rudolf Steiner mit diesen wenigen Zitaten unterstellt, dass er in seinem gesamten Lebenswerk ein Rassist gewesen ist.“ Dies sei nicht der Fall. Bei den angesprochenen Zitaten gehe es außerdem um Themen, die an den Waldorfschulen überhaupt keine Rolle spielten.
Über den Bund der Freien Waldorfschulen e.V.
Die deutschen Waldorfschulen haben sich zu einem Bund der Freien Waldorfschulen e.V. mit Sitz in Stuttgart zusammengeschlossen. Die föderative Vereinigung lässt die Autonomie der einzelnen Waldorfschule unangetastet, nimmt aber gemeinsame Aufgaben und Interessen wahr. Korporative Mitglieder sind derzeit 212 Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen sowie acht Seminare/Hochschulen für Waldorfpädagogik. Daneben gibt es rund 1.900 persönliche Mitglieder. Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart eröffnet. Nach 87 Jahren Waldorfpädagogik gibt es heute weltweit über 1.000 Waldorfschulen sowie 2.000 Kindergärten und Förder-Einrichtungen in allen Erdteilen, darunter auch in Israel, Südafrika und Ostasien.
Herausgeber:
Bund der Freien Waldorfschulen
Peter Augustin
Wagenburgstraße 6
70184 Stuttgart
Tel. 0711-2104240
pr@waldorfschule.de
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