Ergebnisse moderner Gehirnforschung stützen waldorfpädagogische Praxis
80 Jahre waldorfpädagogisches Konzept naturwissenschaftlich untermauert
(Stuttgart) – Der Ulmer Hirnforscher Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie, hat neurowissenschaftlich erklärt, wie das menschliche Gehirn lernt. Die Beeinflussbarkeit des kognitiven Lernens durch praktische Tätigkeiten, durch körperliche und künstlerische Aktivitäten sowie die Bedeutung einer positiven, angstfreien Atmosphäre für den Lernerfolg dürfen als belegt gelten. Viele Erkenntnisse der modernen Gehirnforschung seien in der Waldorfpädagogik implementiert, sagt Professor Spitzer.
Das Gehirn lernt immer, trotzdem speichern wir nur einen Teil der Informationen und Eindrücke, die wir Tag für Tag verarbeiten müssen dauerhaft. „Was die Schule betrifft, liegt das ganz wesentlich daran, dass wir nicht nachhaltig lernen“, sagt Professor Spitzer und verweist auf den Unterschied zwischen Lernen und Verstehen. Der Gründer des Ulmer Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL), der mehrere Bücher zum Thema publiziert hat, erforscht mit naturwissenschaftlichen Methoden Lernprozesse des menschlichen Gehirns. Seine provokanten Thesen zum TV-Konsum und dessen Auswirkungen auf die Entwicklung kindlicher Intelligenz sorgten für Furore.
Anregende Impulse lassen Spuren im Gehirn entstehen, die sich durch Wiederholung und Regelhaftigkeit verfestigen. Das bedeutet jedoch nicht, dass eintöniges Wiederholen die Gehirntätigkeit befördert. Im Gegenteil: „Unser Gehirn ist nicht für das Erlernen von einzelnen Fakten gemacht, es ist darauf aus, die Prinzipien hinter den Einzelheiten zu entdecken“, erklärt Spitzer. Es bedürfe einer aktiven Auseinandersetzung mit den Inhalten. „Büffeln ist etwas für Ochsen.“
Spitzer hat die Bedeutung von Handlungsbewegungen für das Begreifen der Eigenschaften von Objekten neurobiologisch nachgewiesen. „Die Handlungen bewirken eine bessere Einbettung der Objekte in das Gedächtnis“, so der Hirnforscher. Das Handeln in der Gemeinschaft, eine gute Unterrichtsatmosphäre und positive Emotionen seien dem Lernen besonders zuträglich; Angst hingegen verhindere, dass das Gelernte später kreativ umgesetzt werden könne. „Diese Ergebnisse der Hirnforschung sind eine Unterstützung des waldorfpädagogischen Konzepts“, sagt Dr. Rainer Patzlaff, Waldorfpädagoge und Leiter des Freien Forschungs- und Ausbildungsinstituts IPSUM in Stuttgart. „Der Ansatz, das Kognitive nicht nur direkt, sondern auch über die motorischen Fähigkeiten, über Körperlichkeit, über Tätigkeit im praktischen und umfassenden Sinn zu fördern, erfährt eine wissenschaftliche Bestätigung.“ Die Förderung durch gemeinsames Musizieren beispielsweise, das Spitzer ebenfalls befürwortet, sei, so Patzlaff, etwas „was wir in der Waldorfpädagogik schon seit 80 Jahren praktizieren“. Auch was die negativen Folgen des übertriebenen Konsums elektronischer Medien, vor allem des Fernsehens, für die Intelligenz von Kindern anbetrifft, sieht Patzlaff die waldorfpädagogische Sichtweise bestätigt. Er selbst sei kein Experte für Waldorfpädagogik, sagt Professor Spitzer. „Ich kann jedoch sagen, dass vieles von dem, was die Gehirnforschung heute findet, im Rahmen der Waldorfpädagogik implementiert ist.“
28. September 2006 – zk-cg
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Archiv 2006
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